Industries of Titan
Unsere Wertung:
Eure Wertung:
VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 4.0/5 (1 vote cast)

Industries of Titan

Synth City 3000

 

Menschen besitzen die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Dank Optimismus, Fleiß und Einfallsreichtum wird häufig der belohnt, dem einmal scheitern nichts ausmacht. Allerdings fällt es Menschen auch nicht schwer, Profit auf Kosten anderer anzuhäufen. Über Gewinn lächelt am Ende meist nicht das von schwerer Arbeit gezeichnete Gesicht, sondern die gerissene Fratze von klugen Investoren und Konzernen. Das mag alles ziemlich düster klingen, aber kann es nicht doch auch irgendwie Spaß machen, einmal der Ausbeuter zu sein?

Wer dieser Frage nachgehen will, sollte auf keinen Fall einen Bogen um Industries of Titan machen. Entgegen ihrer bekannten und eher bunten Titel wie Crypt of the Necrodancer versuchen sich Brace Yourself Games an einer düsteren und dennoch grellen Zukunftsvision vom Hyperkapitalismus. Vorab gab es bereits einige Trailer über ein Spiel, dessen Mix aus Aufbausimulation und taktischem Kampf das Genre neu definieren könnte. Was daran alles stimmt und wie viel ihr euch zum aktuellen Zeitpunkt erhoffen dürft, haben wir uns im Test einmal angesehen.

 

Kein Freund der vielen Worte? Direkt zum Fazit springen: Klick mich!

 


 

WICHTIG! Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Testbericht um eine Early Access Version handelt. Unsere Wertung ist noch nicht endgültig und kann sich im Laufe der Entwicklung des Spiels ändern. Dieses Review bietet dir einen ersten Einblick in die zum Zeitpunkt des Tests aktuelle Version des Spiels (die getestete Spielversion kann in der oberen Box entnommen werden). Alle Informationen zu unserem Bewertungssystem findest du hier.

 


 

– Präsentation –

Die totale Ausbeutung auf dem Mond. Nicht auf irgendeinem, sondern – es war nicht schwer zu erraten – der Titan. Der größte Mond des Saturns bietet im echten Leben vor allem sehr viel Eis, ist aber unserer Erde am ähnlichsten, wenn man die Himmelskörper in unserem Sonnensystem betrachtet. Dies war wohl auch der Grund dafür, dass man beschloss, ihn zu besiedeln. Der erste Versuch ist allerdings gescheitert und liegt in unserer Geschichte bereits einige Jahrhunderte zurück.Wir Spieler gehören nun also zur zweiten Welle von Siedlern, die ihr Glück auf dem weit entfernten Trabanten versuchen. Unzählige Hochhausruinen deuten bereits darauf hin, dass hier einmal eine Gesellschaft bestand. Große Konzerne haben Berater auf den Mond entsandt, um bei dem geplanten Neuaufbau zu helfen, allerdings ist Philanthropie nicht gerade Teil ihres Motivs. Gewinn, in Form von Credits, Rohstoffen und nicht zuletzt Einfluss sind die entscheidenden Faktoren, ohne Rücksicht auf Verluste.

Wir sind als Aufseher nicht ganz unschuldig am kommenden Leid. Menschen werden wie Nummern betrachtet und wie Vieh in kleine Unterkünfte gepfercht. Arbeit wird nur durch Schlaf und noch mehr Arbeit unterbrochen, während unsere Stadt wächst und gedeiht, sehr zum Missfallen einiger ebenfalls ansässiger Rebellen – und natürlich verfeindeter Konzerne. So unmenschlich dies alles sein mag – es sieht einfach unerhört gut aus.

Der Mix aus Voxel- und Low Poly-Ästhetik wirkt gleichermaßen frisch und bekannt und die ewige Nacht des Mondes wird erhellt durch Neonlichter, flackernde Fabriken und vereinzelten Explosionen von Raumschiffen. Dicker, endloser Regen taucht die Stadt in eine futuristische Cyberpunkoptik und je mehr wir bauen, desto schöner wird es. Aus kleinen Fabriken und Wohnblöcken werden Wolkenkratzer, denn unsere Stadt wächst vor allem in den smogverhangenen Himmel. Unsere kleinen Arbeiter sind zu jeder Zeit erkenn- und vor allem lesbar, soll heißen: ihr könnt immer genau erkennen, welche Tätigkeit sie gerade ausführen. Ganz klar Note 1 für Liebe zum Detail.Bestnote vergebe ich auch nur zu gern, wenn wir zu Musik und Sound kommen. Danny Baranowsky, vielen mit Sicherheit ein Begriff durch die genialen Soundtracks für Super Meat Boy, The Binding of Isaac und natürlich Crypt of the Necrodancer, hat sich in spacige Gefilde vorgewagt. Dabei rausgekommen ist ein gelungener Mix aus Synthwave, Trance und Chiptunes, den man sich auch ohne zu spielen einmal anhören sollte. Was also Ästhetik und Klang betrifft, hält Industries of Titan was die Trailer versprechen. Aktuell wirkt unsere Stadt bisweilen noch etwas leer, was sich auf die Menge an vorhandenem Early Access-Inhalten zurückführen lässt, doch ändert dies nur wenig am positiven Gesamteindruck.

 

 

– Gameplay –

Alles beginnt mit einem Hauptgebäude und fünf Arbeitern, sowie einer gewissen Menge an Startressourcen. Sollte Brace Yourself Games die Roadmap wie geplant abschreiten, wird es auch andere Boni, Rassen und Ressourcen geben, aber bis dahin steht nur eine Fraktion zur Auswahl. Im Spiel angekommen wird schnell klar, dass gewohnte Mechaniken à la schicke die ersten Arbeiter zur Mine während ein Siedler im Hauptgebäude entsteht, nichts in unserer düsteren Konsumgesellschaft zu suchen haben.

Stattdessen nutzt ihr Einfluss, um einige der unzähligen Ruinen zu erkunden, die euch umgeben. Erinnert ihr euch noch? Ihr seid nicht die ersten auf diesem Mond und eure Vorgänger haben eine Vielzahl an Wolkenkratzern zurückgelassen, in denen sich meist nützliche Mineralien, Isotope oder gar Artefakte finden lassen. Einfluss sammelt ihr über Zeit für euren Konzern, aber im Laufe des Spiels wird es Möglichkeiten geben, die Rate zu beeinflussen.Jede Ruine muss erst durchsucht werden, bevor sie in euren Besitz übergehen kann. Gerade am Anfang sucht man sich so die besten Kirschen heraus, denn trotz möglichem Wechsel zwischen drei Spielgeschwindigkeiten sammelt ihr nur langsam die wichtige Berechtigung für weitere Gebiete. Bereits abgebaute Ressourcen landen dann auch nicht einfach in irgendwelchen Silos. Stattdessen wechselt ihr von der Makro- in die Mikroebene.

Denn bei Industries of Titan baut ihr nicht nur Gebäude – ihr benutzt sie auch. Ein Klick auf euer Command Center lässt euch nahtlos in das Gebäude gleiten, wo sich eine Ebene an Feldern befindet. Diesen beschränkten Platz dürft und müsst ihr nun mit allerhand Gerätschaften füllen, beginnt aber meist mit Containern, Treibstoff- und Energiegeneratoren. Ein Mix aus Tetris und Factorio erweckt dabei die Lust, den vorhandenen Raum besonders effizient auszufüllen.

Treibstoff gibt es in der methangefüllten Atmosphäre von Titan zuhauf, aber Energie muss erzeugt und klug umgeleitet werden. Dies gilt sowohl innen als auch außerhalb der Gebäude, möchtet ihr eure Stadt mit Strom versorgen. In den Gebäuden sorgen kleine Relais für eine Verteilung der Power, während außerhalb riesige Pylonen mit Energie gespeist werden, um sie weiterzuschicken. Für Notfälle gibt es Batterien und Tanks, die kleine Mengen an Strom und Treibstoff speichern.Gebaut wird all dies von euren fleißigen Arbeitern. Was bisher noch relativ normal erscheint, wird spätestens mit der Freischaltung des Flughafens und dem Bau von Wohnhabitaten zum kapitalistischen Übersystem. Auf Titan landen keine Arbeiter, sondern Bürger. Indem sie in kleinen Zellen endlos viel Werbung schauen, erzeugen sie nebenbei noch wichtige Credits. Letztere sind nötig, um weitere Gebäude freizuschalten, wobei jedes freigeschaltete Gebäude, ganz gleich in welcher Reihenfolge, für eine Preiserhöhung bei den anderen sorgt.

Wer fleißig Ruinen ausbeutet, findet früher oder später auch Rote Artefakte. Mit Hilfe dieser und einer Konversationskapsel wird aus dem Bürger ein Arbeiter, der dabei nicht nur all seine Rechte sondern gleich alle Innereien verliert und gegen Zahnräder tauscht. Sind eh unwirtschaftlich, oder? Ohne Ressourcen keine Kapseln, ohne Artefakte keine Umwandlung und ohne Bürger keine Arbeiter – aber ohne Bürger auch keine Credits.

Während ihr also fleißig Einfluss und Materialien sammelt, Habitate für neue Bürger baut, damit diese zu fleißigen, gehorsamen Bienchen werden, entsteht von ganz allein der Sucht- und Wachstumszyklus, den so viele Aufbauspiele gemeinsam haben. Hinzu kommt das Ausbauen der einzelnen Gebäude, von denen aktuell noch viele hinter dem magischen Wort Roadmap verborgen liegen.Allein das sinnvolle Platzieren von Habitaten, Silos und Generatoren motiviert so sehr, dass es einen umso mehr ärgert, wenn doch mal Platz verschwendet wurde – oder zumindest nicht optimal genutzt. Bei so viel Bau und Produktion entsteht natürlich der Müll, der ebenfalls gelagert oder verbrannt werden muss. Die daraus entstehende Verschmutzung führt dazu, dass eure Bürger kein besonders erholsames Leben führen und manch einer früher das Zeitliche segnet.

Aber wen kümmert es, wenn ihr durch ein bisschen Einfluss direkt eine weitere Ladung aus dem Orbit einfliegen lassen könnt? Menschen werden klar zu einem Rohstoff und Industries of Titan macht keinen Hehl daraus, dies mit überspitzten Kommentaren und Beschreibungen durchblicken zu lassen. Man vergisst dies allerdings sehr schnell, weil alles so bunt und hübsch ist und überhaupt muss die Stadt doch wachsen!

Das dies nicht nur auf Zuspruch stößt, war zu erwarten, doch der so heiß ersehnte Schiffkampf ist noch nicht im Spiel implementiert. Ein bisschen wie FTL soll er sein, bleibt aber erstmal außen vor. Angriffe von rebellischen Raumschiffen gibt es letztendlich doch, aber einige klug errichtete Geschütztürme reichen aus, damit die Warnsignale verstummen. Wer etwas mehr Action haben will, kann statt des Standardspiels den Survivalmodus wählen, in dem die Rebellen immer stärker werden, ungeachtet der Größe euer eigenen Stadt.Gewonnen ist das Szenario, wenn man fünf Rebellenlager übernommen hat. Dies geschieht relativ unspektakulär, indem Einfluss investiert wird um die feindlichen Lager einfach einzunehmen. So bleibt als Kernspiel aktuell „nur“ der Aufbau und das endlose Erweitern eurer Stadt und all ihren Ressourcen, allen voran ihren Bürgern und Arbeitern. Dies allein macht bisher jedoch wahnsinnig viel Spaß und kann durch die kommenden Patches nur noch unterhaltsamer werden.

 


 

– Besonderheiten –

Beim Lesen müsste bereits aufgefallen sein, wie speziell das Ressourcenmanagement von Industries of Titan mit all seinen ausbalancierten Kniffen ist, allerdings ist dies bei Weitem nicht alles. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, Gebäude aufzuwerten, was sowohl die äußere Erscheinung als auch ihren Output verändert. Hinzu kommt natürlich, dass Fabriken oder euer Command Center weitere bebaubare Ebenen erhalten, um sie mit allerhand Dingen vollzubauen. Wie eingangs bereits erwähnt, wächst eure Stadt dadurch in die Höhe, was in Verbindung mit dem Grafikstil großartig aussieht.

Noch besser wird es, wenn Gebäude gleicher Art und Stufe verbunden werden. Setzt ihr zwei Fabriken nebeneinander, können diese zu einem großen Objekt verknüpft werden. Dabei erhalten sie einen kleinen Bonus, werden also besser als zwei einzelne Fabriken. Dies funktioniert bei unterschiedlichen Bauten und hat entweder Auswirkungen im Platzangebot, Energieoutput oder anderen Dingen. Es gibt aber auch einen kleinen Haken, der mit einer weiteren Besonderheit in Verbindung steht.

Solltet ihr einem Angriff nicht gewachsen sein, lässt sich eure Stadt eingraben. Dies kostet euch einige Credits, beschützt aber den Großteil der wichtigen Industrie- und Infrastruktur. Nicht vergraben lassen sich Geschütztürme – was durchaus Sinn macht –, euer Command Center und schließlich alle Objekte, die nun zu zweit im Verbund stehen. Geschenkt wird euch leider nichts.Ein kleiner Bonus für all jene, die viele Stunden in einem Strategiespiel verbringen und sich häufig über ganz bestimmte Songs freuen – looking at you, Time of Change – haben sich die Entwickler ein nettes Gimmick ausgedacht und einen kleinen Musikplayer eingebaut. Er erinnert mich optisch etwas an den guten alten WinAmp und spielt jeden großartigen Song von Danny Baranowskis Soundtrack ab, so oft wie ihr wollt.

Nicht zuletzt muss ich noch das großartige Tutorial loben. Kleine Einführungsgeschichten leiten dabei durch den logischen Aufbau der ersten Stadt und lassen dennoch Raum zum Atmen. Dabei hilft auch das simple und leicht lesbare User Interface und eine Vielzahl an Tooltips. Wenn man ein Spiel mit vielen Systemen schafft, ist es offensichtlich doch nicht unmöglich, diese auch angenehm zu erläutern.

 


 

– Support –

Wer auch nur ansatzweise mit erfolgreichen Indiegames der letzten Jahre in Berührung kam, wird unweigerlich von Crypt of the Necrodancer und dem Ableger Cadence of Hyrule gehört haben. Nun versuchen sich Brace Yourself Games mit Industries of Titan und dem ebenfalls in der Mache befindlichen Phantom Brigade darum, neue Akzente im Bereich Strategie zu setzen, sei es Aufbau oder rundenbasiert. Das man es hier mit einem erfahrenen Entwicklerteam zu tun hat, sieht man bereits an der Homepage und den Verlinkungen zu allen denkbaren Kommunikationskanälen.

Fragen und Anregungen werden sowohl im Discord, aber auch im eigenen Forum, Reddit und Co. beantwortet und effektiv für die weitere Arbeit am Spiel genutzt. Es zeigt auch, dass man keine Steamforen braucht, um eine große Community zu erreichen. Dass in Vancouver ansässige Team hat sich zwar viel vorgenommen, aber dank Epic Games auch einen starken Partner im Hintergrund.

 

– Fazit –

Industries of Titan ist mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Angefangen beim Introsong und dem anschließenden Tutorial, den ersten Blick auf die Welt und die Grafik mit der sie präsentiert wird, bis zum selbstironischen Überkapitalismus mit dem Mensch als Massenware, stimmt hier irgendwie alles. Die Optik ist zeitlos hübsch, das Suchtpotential endlos und der Sound steht außer Frage.

Genial finde ich die Möglichkeit, Gebäude von innen zu befüllen und so eine ungeahnte Tiefe zu erzeugen, die Perfektionistenherzen höher schlagen lässt. Auch die Idee, Ruinen zu erforschen, um Ressourcen abzubauen, bringt angenehm frischen Wind in das Genre.

Wusstest du schon, dass du das Spiel ebenfalls bewerten kannst? Dazu einfach oben in das Review auf die Sterne unter „Eure Wertung“ klicken. Wahnsinn!

Sorgfältig wurde ein balancierter Kreislauf aus Angebot und Nachfrage erzeugt, bei dem die Spielstunden schneller verfliegen, als einem lieb ist. Letztendlich sind die Aufgaben aktuell dennoch begrenzt und die Herausforderungen für geübte Spieler noch nicht ganz ausgereift. Mit Blick auf die riesige Roadmap steigt allerdings die Hoffnung, dass Features wie der Luftkampf irgendwann nicht nur in einem Trailer existieren.

Industries of Titan ist ein weiterer Beweis dafür, dass kleine Studios von dem finanziellen Rückhalt Epics stark profitieren können. Für mich ist es definitiv eines der interessantesten Strategiespiele der letzten Jahre und das obwohl gerade mal das Fundament gelegt wurde. Sehr zu empfehlen, nicht nur für Strategie- und Musikliebhaber.


 

 


 

Avatar

Über Faust

Angefangen mit Master System, SNES und Playstation, fand irgendwann auch der PC Einzug in mein Wohnzimmer und ist seitdem mein Favorit wenn es um Videospiele geht. Ich liebe Klassiker wie Suikoden, Vandal Hearts und Final Fantasy, bin aber auch immer an neuen Titeln interessiert. Multiplayer sind nicht meine Stärke, daher spiele ich lieber RPGs, Aufbaustrategie und generell alles mit einer guten Story. Indie Games und Pixel Art haben einen besonderen Platz in meinem Herzen und Kickstarter kann man getrost als mein zweites Zuhause bezeichnen.

Was sagst Du dazu?

You must be logged in to post a comment.