Baldur’s Gate 3
Unsere Wertung:
Eure Wertung:
VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 5.0/5 (1 vote cast)

Baldur’s Gate 3

So viel Lust auf Frust

 

Zu sagen, man freue sich auf den Nachfolger eines 20 Jahre alten Spieles, ist sicher einer dieser Momente, in denen man sich plötzlich selbst ein wenig alt vorkommt. So geschehen dennoch, als Larian Studios 2019 die Ankündigung veröffentlichte, das Baldur’s Gate 3 in der Mache ist. Wizards of the Coast hatte endlich eingelenkt und fand, dass die Lizenz des Spieleklassikers bei Larian in guten Händen sei. Kein leichtes Erbe, wenn man bedenkt, wie viele Spieler mitunter hunderte von Stunden in den ersten beiden Teilen verbracht haben, mich eingeschlossen. Minsc und sein Hamster Boo sind vielen ebenso gut in Erinnerung wie die Abenteuer an der Schwertküste oder in Athkatla.

Doch der Release, der zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Wochen zurückliegt, hat auch gezeigt, dass Nostalgie nicht immer ein guter Ratgeber ist. Die Diskussionsforen überschlagen sich mit Standpunkten jeglicher Art und trotz des Sturmes an positiven Reviews reißen auch viele negative Stimmen nicht ab, die sich kritisch mit der Umsetzung des Materials auseinandersetzen. Woher kommt das Lagerdenken? Was macht Baldur’s Gate 3 besonders, wenn es denn überhaupt so ist? Wieso konnte ich das Spiel an manchen Tagen nicht abschalten, obwohl ich mich zuerst überwinden musste, es überhaupt zu starten?

Unser ehrliches Review soll diese Fragen in aller Ausführlichkeit klären, also nehmt euch Zeit für die beschwerliche Reise oder, wie Minsc sagen würde, „Shall we go? The butts of evil await my bootprints“.

 

Kein Freund der vielen Worte? Direkt zum Fazit springen: Klick mich!

 


 

WICHTIG! Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Testbericht um eine Early Access Version handelt. Unsere Wertung ist noch nicht endgültig und kann sich im Laufe der Entwicklung des Spiels ändern. Dieses Review bietet dir einen ersten Einblick in die zum Zeitpunkt des Tests aktuelle Version des Spiels (die getestete Spielversion kann in der oberen Box entnommen werden). Alle Informationen zu unserem Bewertungssystem findest du hier.

 


 

– Präsentation –

Bevor wir also zum eigentlichen Baldur’s Gate 3 kommen, ist es sicherlich hilfreich, einen kurzen Abriss der Geschichte von Baldur’s Gate zu geben und warum Larian für viele der Wunschentwickler für einen möglichen Nachfolger ist. Baldur’s Gate, was alle Teile nebst Erweiterungen beinhaltet, ist eine Spielereihe der späten 90er Jahre. In etwa zu der Zeit, in der auch Diablo auf allen Heimrechnern die Horden der Hölle entließ, entwickelte BioWare die Infinity Engine. Dank dieser bedurfte es nicht einmal einer 3d-fähigen Grafikkarte, um die Spiele der Baldur’s Gate-Reihe genießen zu können. Alle Hintergründe waren in 2D vorgerendert und Charaktere jeglicher Art als Sprites dargestellt. Ich kann bereits vorab sagen, dass Teil 3 kaum weiter davon entfernt sein könnte.

Die Hintergrundgeschichte von Teil 1 und 2 dampfe ich einmal auf den Aspekt zusammen, dass Kinder eines bestimmten Gottes unter den Menschen wandeln, deren Macht nicht nur für gute Zwecke genutzt werden kann, auch von den Betroffenen selbst. In spannenden und schwierigen Abenteuern konnte eine Gruppe von bis zu sechs Gefährten ihren Mut und der Spieler an der Maus sein taktisches Können beweisen. Baldur’s Gate 2 ist noch heute für viele alteingesessene Rollenspieler eines der besten Spiele aller Zeiten und schiebt somit ein großes Erbe vor sich her.

Machen wir nun einen Zeitsprung in das Jahr 2014 und der Veröffentlichung von Divinity: Original Sin durch Larian Studios. Dieser weltweite Erfolg nutzte nicht nur bekannte Rollenspieltugenden. Stattdessen setzte man neben rundenbasiertem Kampf auch auf die strategische Verwendung der Elemente. Eis schmilzt durch Feuer und ein Blitz darin wird für alle Gegner kein Vergnügen, wenn man es einmal kurz und knapp zusammenfassen will. Für Original Sin verwendete Larian nicht die Infinity Engine, sondern eine selbst kreierte, die für Original Sin 2 noch deutlich verfeinert wurde. Wizards of the Coast fand daran Gefallen, womit wir schließlich bei Baldur’s Gate 3 ankommen.

Dieses baut nun auf die Stärken und eventuellen Schwächen der über die Jahre immer ausgefeilteren Technik von Larian, was sich in seiner äußerlichen Opulenz und im Spielgefühl widerspiegelt. Statt Sprites und Hintergründe gibt es hier 3D satt, allerdings sehr zu Lasten des Systems. Dies mag in großen Teilen dem Entwicklungsstand geschuldet sein, allerdings fällt es dann und wann unangenehm auf. Im Test habe ich mehrfach zwischen Very Low, Medium und Ultra gewechselt, wobei sich optisch einiges verändert, leider aber kaum an der Performance. In Zahlen ausgedrückt waren dies im Schnitt 10 Frames, was bei der Bandbreite an Einstellungsmöglichkeiten einige Rätsel aufgibt. Ganz umsonst ist diese Last natürlich nicht, denn Baldur’s Gate 3 sieht umwerfend gut aus. Der mir etwas zu bunte Stil seiner Enginekollegen Original Sin 1 und 2 ist einem etwas düsteren Look gewichen, der den eigentlichen Originalen deutlich näher kommt.

Bugs gibt es aktuell viele, in manchen Fällen vielleicht sogar zu viele. Larian hat bereits vor Beginn des Early Access betont, dass dies in jeglicher Hinsicht nicht die finale Variante des Spieles ist. Betont wurde aber auch, dass Akt 1 und somit alles, was aktuell spielbar ist, so rund und perfekt wie möglich ist. Bei einem Rollenspiel, in dem Immersion eine wichtige Rolle spielt, sind die optischen Fehltritte immer dann unangenehm, wenn das Spiel besonders ernst und wichtig sein will. Wenn mitten im Gespräch die Haare zu allen Seiten stehen, die Beine abheben oder der Barde statt der Saiten nur die Luft in den leeren Händen schlägt, muss man wohl schmunzeln und ein Auge zudrücken.

Die Geschichte selbst leidet nicht so stark unter den Bugs, kommt manchmal aber nicht an die Erwartungen heran, die einige Spieler hegen. Ohne viel zu spoilern, kann ich zumindest auf die Dinge eingehen, die im Trailer und einigen Screenshots bereits bekannt wurden. Ihr seid, wie so oft, Gefangener auf einem fliegenden Schiff. Euer Peiniger ist ein Mind Flayer. Diese Kreaturen, wie alles andere in Baldur’s Gate, entstammen im Original natürlich Dungeons and Dragons. Dort wie hier sind Mind Flayer intelligente und boshafte Kreaturen, die optisch an Cthulhu in Magierrobe erinnern. Eben dieses Wesen pflanzt euch einen wurmartigen Parasiten ein, durch den ihr auf schmerzhafte Art und Weise auch zu einem Mind Flayer werden sollt.

Das Schiff stürzt ab und ihr entkommt mit eurem Leben, auch wenn ihr den Kopf nun mit dem Parasiten teilt. Rasch findet ihr andere Überlebende, denen das gleiche widerfahren ist. Man schließt sich also zusammen, um das Unvermeidliche doch noch zu verhindern und den Wurm zu entfernen. Wie in so viele Abenteuern geschehen auch in diesem unvorhersehbare Dinge und schnell stellt sich heraus, dass euer ungebetener Gast auch einige nützliche Fähigkeiten bereithält. Ob oder wie ihr diese nutzt, liegt ganz in eurer Hand, aber es bleibt in jedem Fall nicht völlig ohne Folgen. Alles in allem eine spannende Prämisse, auf der man aufbauen kann.

Wer Original Sin 2 gespielt hat, wird dennoch ein kleines Déjà-vu haben, denn von Würmern und Monstern einmal abgesehen, ähnelt sich der Start doch ungemein. Verbindungen zu Baldurs Gate 1 und 2 sucht man zu diesem Zeitpunkt größtenteils vergebens. Die Handlung des dritten Teils spielt 100 Jahre nach der Ereignissen der Originale, Überschneidungen wird man wohl nur in Form von Lore und Namen finden. Dies ist kein echter Kritikpunkt, wirft aber bei vielen die Frage auf: Warum Baldur’s Gate 3? Warum wurde dies nicht Original Sin 3, wenn man nicht an die Geschichte von Schatten von Amn, also Baldur’s Gate 2, anknüpft?

Bisher finde ich die Geschichte unterhaltsam und ernster als Larians Vorgänger. Jedoch erscheint mir mancher Sachverhalt allzu einfach zu durchschauen. Spieler erhalten normalerweise ein Gefühl von investigativem Erfolg, wenn sie kleine Puzzleteile zusammenfügen können, vor allem wenn diese nicht allzu offensichtlich sind. Anders verhält es sich da schon, wenn man stetig mit der Subtilität eines Holzhammers darauf hingewiesen wird, dass da irgendwie, irgendwo und irgendwas wohl gar nicht stimmen kann in der Welt von Baldur’s Gate 3. Das ist sicher Meckern auf hohem Niveau, aber hinter der umwerfenden Grafik bleibt die Erzählung bislang etwas zurück.

Die Vertonung ist jedoch exzellent und bietet im Gegensatz zu den Originalen von BioWare eine Stimme für jeden Gefährten nebst unserem Hauptcharakter, auch wenn dieser zumeist stumm bleibt. Aktuell gibt es nur eine englische Sprachausgabe, doch wird es euch sicher freuen, dass die Texte bereits in diesem frühen Stadium in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt wurden, darunter auch ins Deutsche. Larian hat trotz der schieren Masse an vorhandenen Wörtern sicherstellen wollen, dass jeder auf seine Kosten kommt und in die phantasievolle und nicht ganz unkomplizierte Welt eintauchen kann.

Im Spiel enthalten ist auch ein Hintergrunderzähler. Ihm oder besser gesagt ihr kommt die Aufgabe zu, die Gedanken einzelner Gefährten aufzuklären, also Dinge zu erläutern, die wir nicht sehen können. Ich empfinde dies leider als störend. Im Endeffekt soll es noch immer ein Rollenspiel sein und es gab schon einige Situationen in denen der Ton oder die Wortwahl nicht gepasst haben. Hier hätte ich mehr Platz für die Phantasie der Spieler gelassen, bin mir aber bewusst, dass es auf persönlicher Präferenz beruht.

Die Musik ist über jeden Zweifel erhaben, so löst das Stück im Hauptmenü bei mir ähnliche Anflüge von Gänsehaut aus, wie es bereits bei Teil 1 und Teil 2 der Fall war und hat das Zeug dazu, live mit Orchester vorgetragen zu werden. Die Dramatik der Kämpfe steigert sich durch die Musik ebenso wie ein erholsamer Moment im Wald, dessen sanfter Unterton womöglich doch ein dunkles Geheimnis und eine damit verbundene Nebenquest verbirgt. Komponiert wurden alle Stücke von Borislav Slavov, der bereits die Musik für Original Sin 2 schrieb. Ich bin vom Ton hellauf begeistert und wurde beim Spielen nur selten von Bugs geplagt, die vom Sound ausgehen.

 

– Gameplay –

Auch hier muss ich, so leid es mir tut, einmal kurz ausholen, vielleicht auch um eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Baldur’s Gate 3 nutzt, wie seine Vorgänger vor 20 Jahren, das Regelwerk von Dungeons and Dragons. Sowohl Teil 1 als auch Schatten von Amn passten dafür AD&D, kurz für Advanced Dungeons and Dragons, soweit an, dass es auf dem PC spielbar wurde. Baldur’s Gate 3 nutzt die fünfte und somit neueste Version des Regelwerks, das sich in einigen Punkten von dem damaligen unterscheidet. Wie sich die alten Teile spielten, lasse ich einmal außen vor. Es sei jedoch gesagt, dass sich vieles nun vereinfacht anfühlt. Das liegt nicht an Larian oder ihrer Umsetzung, sondern ist im Regelwerk eingebacken.

Hinzu kommt, dass Original Sin und Original Sin 2 ein von D&D abgewandeltes System genutzt haben, dass rundenbasierten Kampf nutzte statt dem Echtzeit mit Pause-Modus von Baldur’s Gate 1 und 2. Kurzum: Hier treffen einige Systeme von unterschiedlichen Spielen aufeinander, die den Verlauf und die Geschwindigkeit auch von Erkundung, vor allem aber Gefechten maßgeblich beeinflusst. Manche Spieler fanden Original Sin zu langsam, für andere ist es undenkbar, Baldurs Gate in Echtzeit zu spielen. Viele kennen beide Reihen und haben irgendwo die Mitte in alledem für sich gefunden, ganz so wie es nun auch Larian tun musste. Für den Spieler selbst bleibt nun die mitunter schwierige Aufgabe, das System zu durchschauen.

Wer noch nie Dungeons and Dragons gespielt hat und auf Baldur’s Gate 3 stößt, wird im ersten Moment sicher etwas überwältigt sein. Eine Vielzahl an Stats, Boni, Rassenvor- und -nachteilen, Waffenbeherrschungen und Zauberstufen sind nur einige Begriffe, die ich hier einwerfen möchte. Es wäre sicherlich einfacher, wenn Larian bereits ein brauchbares Tutorial eingebaut hätte, denn aktuell muss man eine Vielzahl der Zusammenhänge selbst verstehen oder notfalls ergoogeln, was sich zwar in gewisser Weise wieder stark nach den Originalen anfühlt aber im krassen Gegensatz zu dem ansonsten so modernen Auftreten steht.

Davon ausgehend, dass wir Baldur’s Gate 3 nun einfach als Rollenspiel betrachten, ohne ständig die Zusammenhänge mit Dungeons and Dragons erklären zu müssen, lasse ich einige allzu spezifische Details aus. Wichtig ist also zu wissen, welche Klasse unser Hauptcharakter überhaupt haben soll. Aktuell stehen sechs zur Verfügung, sechs weitere sollen noch folgen. Schon in der Auswahl sind Cleric, Rogue, Fighter, Ranger, Wizard und Warlock, also bereits eine große Menge an bekannten Archetypen. Schmerzlich vermisst werden noch Druiden oder Paladine, aber spätestens wenn der Early Access verlassen wird, dürft ihr die komplette Bandbreite ausschöpfen.

Das so beliebte System der Gesinnung, wie es Baldurs Gate 1 und 2 nutzten, ist verschwunden und setzt eher darauf, euch völlig frei gestalten zu lassen, in welche Richtung sich ein Charakter entwickelt. Manchmal weiß man zu Beginn schließlich sprichwörtlich nicht, wohin die Reise geht und ob ihr eher Gutes oder Böses tun wollt. Vorab: Die freie Wahl habt ihr in jedem Fall. Einen Charakter retten oder ihn doch ausrauben und von einer Klippe schubsen, in Baldur’s Gate 3 ist dies möglich. Ob ihr dabei Mensch, Elf, Zwerg, Tiefling oder etwas völlig anderes seid, bleibt euch ebenfalls überlassen.

Es ergibt sich von selbst: Wer gern draufhaut nimmt den Kämpfer, wer im Schatten hockt den Rogue und als Wizard oder Warlock lassen sich wunderbar Zauber weben. Aktuell sind manche Klassen stärker als andere. Hinzu kommt, dass eure Gefolgschaft, die ihr relativ antiklimatisch und rasch aufeinanderfolgend einsammelt, natürlich ebenfalls eine Klasse besitzt. Da kann es schon sein, dass sich zwei der gleichen Sorte in der Truppe tummeln. Damit wird es nicht unbedingt schwieriger, begrenzt aber in gewisser Hinsicht den Spielstil. Während Kämpfer viel einstecken können, ist der Nahkampf bisher alles andere als befriedigend, es sei denn ihr greift aus dem Schatten an. Letzteres kann nicht nur der Rogue, aber er ist besser darin als alle Anderen.

Ein Überangebot an Magiern ist auch schwierig, da hier im Gegensatz zu vielen anderen Spielen keine Mana sondern Zauberpunkte verwendet werden. Deren Anzahl ist stark begrenzt und kann nur wieder aufgefüllt werden, indem ihr eine Rast einlegt. Dies kostet aber Zeit und wer weiß, ob dies womöglich auch Auswirkungen auf euer Spiel haben kann. Im Gegensatz zu den alten Baldur’s Gates geht euren Zauberern allerdings nicht so schnell die Puste aus. Zusätzlich zu euren allgemeinen Sprüchen gibt es nun auch Cantrips, also Zauber, die so oft gesprochen wurden, dass euer Zauberer diese quasi im Schlaf kann und dafür keine Magie mehr verbrauchen muss.

Das ist wirklich sinnvoll, denn die Schwierigkeit von Baldur’s Gate kann für Anfänger demotivierend sein. Wo man in anderen Spielen mit sehr einfach Kämpfen konfrontiert wird, braucht es hier für Kopfnüsse nicht lange. Die Kämpfe laufen ganz in Manier von Original Sin in rundenbasierter Form ab. Dadurch kann man lange überlegen und sich eine Strategie zurechtlegen, da wildes Loslaufen, -schlagen und -zaubern oft nur euren Untergang zur Folge hat. Hier gibt es aber auch direkt einiges zu bemängeln. Ein Kampf mit einem Dutzend Goblins kann beispielsweise schon deshalb 30 Minuten andauern, will ich jeden Zug des Gegners verfolge, da rundenbasiert. Macht Sinn, macht irgendwann aber auch nicht mehr so viel Spaß.

Vor allem dann nicht, wenn ihr zum wiederholten Male das gleiche Gefecht kämpft, sei es weil ihr gestorben seid, etwas nicht lief wie geplant oder noch schlimmer, ein kritischer Bug euch zum Laden gezwungen hat. Dies ist mir in meiner Spielzeit bereits einige Male passiert, was umso ärgerlicher ist, da man innerhalb eines Kampfes nicht immer speichern kann. Wenn der Gegner dann auch noch bockschwer war, ist die Frustration nicht weit. Im Gegensatz zur KI eurer Mitstreiter, verhalten sich eure Feinde nämlich überraschend logisch und nutzen ihren Vorteil aus.

Eure Leute schaffen es nicht einmal euch zu folgen, wenn ihr um eine Pfütze mit Säure lauft. Da wird mittendurch gerannt oder sich auch gar nicht bewegt, weil das Pathfinding Probleme hat, die Wege von drei Leuten über eine enge Brücke zu berechnen, so dass einer manchmal einen riesigen Umweg nimmt, ganz egal, wer oder was dort womöglich auf ihn lauert. Das sind sicher alles Kinderkrankheiten des aktuellen Zustands und doch nicht weniger unangenehm, zumal Original Sin und Original Sin 2 auch mit manchen Problemen zu kämpfen hatten. Die Kamera springt sehr oft komplett raus oder direkt ins Bild rein, je nachdem wohin ihr gelaufen seid, was ebenfalls die Kontrolle der Charaktere erschwert.

Trotz all dieser Mängel macht es unerwartet viel Spaß, wenn man sein Team und eine Taktik gefunden hat. Schlaf auf eine Gruppe Gegner, eine Lache Öl auf den Boden davor. Ein Feuerball lässt alles in Flammen aufgehen und fertig ist nebenbei die wohl nützlichste und leider auch am häufigsten verwendete Kombo im Spiel. Das System der Kombination wurde aus Original Sin übernommen und zeigt sich oft schon darin, dass ihr in krasser Unterzahl seid. Prompt hält man Ausschau nach Fässern mit Schwarzpulver, die netterweise irgendwo platziert wurden. Für mich, der sich eher als Fan von Baldur’s Gate sieht (auch wenn Original Sin ein tolles Spiel ist), kommt dies mitunter etwas faul rüber und nimmt den Fokus von den Klassen.

Man neigt dazu, Gefechte auf die immer gleichen Muster und Mechaniken zu reduzieren, sofern sich eine Möglichkeit dazu bietet. Tut man dies nicht, geht man das Risiko ein, einen zahlenmäßigen Nachteil zu erleiden. Schade finde ich dies allemal, da man mitunter so großartige Dinge, ja fast schon Kunststücke vollbringen kann. Balken können brechen und selbst große Oger werden unter dem einstürzenden Dach begraben. Stoffe brennen, Wände bersten und Wasser friert, ganz so, wie es viele Spieler von den vorherigen Titeln Larians gewohnt sind.

Eine weitere, leider undurchdachte Mechanik ist die Möglichkeit des Hinterhalts. Für diesen reicht es manchmal schon, einfach um den Gegner herumzulaufen. Obwohl man gerade noch vor ihm stand, ist es plötzlich so, als wäre dieser völlig überrascht von der heimtückischen Attacke. Mir fallen noch andere Kleinigkeiten ein, aber ich belasse es hier dabei. Wir befinden uns nach wie vor im Early Access und sicherlich stehen noch einige Systeme vor einer Überarbeitung. Spaß macht es, manchmal so sehr, dass ich mich frage: Warum? Außerdem besteht diese Welt nicht nur aus Kämpfen und bekämpft werden – es wird auch viel geredet und erkundet. Wer also viel Freude an Dialogen hat, sollte tunlichst einige Punkte in Intelligence oder Wisdom investieren.

Dadurch ergeben sich in Dialogen oft bessere Möglichkeiten, jemanden zu überzeugen, ein Geheimnis zu erfahren oder einen Bund zu schließen. Ich wünschte nur, der eigene Charakter würde häufiger ein überzeugendes Bild abgeben. Wer die Charakteranimationen von Final Fantasy XIV kennt, weiß wie ungewollt komisch jemand aussieht, der nichts sagt und dies mit allzu angestrengter Mimik ausgleichen muss. Unschön ist auch, dass die Folge eines fehlgeschlagenen Dialoges häufig dann doch wieder der Kampf ist, vor allem dann, wenn unvorhergesehene Dinge passieren. Eure Gefährten können euch dabei nicht helfen, da ihre Skills keinen Einfluss auf deinen Würfel haben.

Was mich zur allgemeinen Erkundung und dem Zusammensein mit den Charakteren und der Umwelt bringt. Faerun, also die Welt in der Baldur’s Gate auch nur eine Stadt ist, birgt unfassbar viele Schauplätze, Geschichten und Rassen, dass man sich fragen muss, warum ausgerechnet all die schlechtgelaunten Kreaturen in Baldur’s Gate 3 zusammenkommen. Spaß beiseite, aber es ist stellenweise wirklich schwer nachzuvollziehen, warum so viele Gefährten und NPCs dem Haupthelden fast schon feindselig gegenübertreten, selbst wenn dieser ein noch unbeschriebenes Blatt ist. Im weiteren Spielverlauf konnte ich zwar eine Verbesserung der Situation feststellen, befinde mich aber noch immer in der misslichen Lage, nur einige der ohnehin rar gesäten Companions wirklich sympathisch zu finden.

Natürlich macht es Sinn, wenn man misstrauisch ist und seine Geheimnisse für sich behält. Es macht allerdings weniger Sinn, mitunter tatenlos danebenzustehen und zuzusehen, wie einem sprichwörtlich das Gehirn gefressen wird. Wie es dazu kommt, werde ich nicht verraten. Der Fakt an sich war dennoch so immersionsbrechend, dass ich mich wirklich fragen musste, warum man nicht gleich allein herumläuft. Auch die Art und Weise, wie alle Gefährten ins Spiel kommen, ist gelinde gesagt, einfallslos. Dies soll allerdings nicht heißen, dass jegliche Konversation mit ihnen unangenehm ist. Im Gegenteil. Gale, ein Magier und seines Zeichens völlig von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, kann schnell beweisen, mehr als nur ein „One Trick Pony“ zu sein.

Was fehlt, ist der „Banter“ untereinander, der Smalltalk. Es gibt ihn definitiv, aber er tritt so selten auf, dass man sich nicht wundern muss, dass keiner den anderen kennen lernt. Wer bei den Dialogen zwischen Alistair und Morrigan in Dragon Age: Origins schmunzeln musste, weiß in etwa, worauf ich hinauswill. All die Lore, all der Kampf und die Ernsthaftigkeit müssten auch eine Form von Kameradschaft erzeugen, die ich abseits der Kämpfe ein wenig vermisse.

 


 

– Besonderheiten –

Es ist an und für sich bereits eine Besonderheit, ein Spielereihe nach so langer Zeit wieder ins Leben zu rufen. Baldur’s Gate 3 war damals bereits in der Mache, aber aus Geldmangel verlor Interplay die Lizenz und Entwickler Black Isle musste die bereits zweijährig andauernden Arbeiten einstellen. Dass mit Larian nun ein so erfahrener und geschätzter Entwickler diese Marke zurück ans Licht bringt, ist für mich eine Erwähnung wert.

Das Kampfsystem, wenn es vielleicht nicht jedem gefällt, ist ebenfalls eine Klasse für sich. Der Mix aus Dungeons and Dragons fünfte Edition, rundenbasierter Kampf und den taktischen Komponenten in der Welt um euch herum, lassen euch selbst manch noch ausweglosen Kampf siegreich bestehen. Im Endeffekt gilt, alles geht, sofern ihr es euch vorstellen könnt. Ein Wizard kann eine magische Hand herbeizaubern, die im Gegensatz zu euch, eine weite Strecke zurücklegen kann. Besagte Hand nimmt eine Leiche auf und wirft sie auf einen Gegner.

Dieser taumelt und fällt womöglich hin, direkt in die Blutlache. Das Blut kann per Zauber eingefroren werden und hält dadurch auch besagten Gegner fest. Erzeugt ein Trugbild von euch und lenkt den Blick des Gegners in eine andere Richtung, damit euer Rogue unbemerkt hinter ihn schleicht und einen Angriff mit Boni vollzieht. Löst eine Kettenreaktion mit Fässern und explodierenden Leichen aus, nachdem ihr eure Pfeile vorher an einer Kerze entzündet habt. Die Möglichkeiten sind vielfältig und lassen so manchen Kampf eher zu einem Rätsel werden.

Baldur’s Gate 3 bietet bereits Multiplayer, was natürlich perfekt für all diejenigen ist, denen Dungeons and Dragons am Tisch einfach nicht visuell genug erscheint. Von mir persönlich nicht getestet, kann ich da nur auf Reviews und Meinungen derjenigen verweisen, die mit Freunden bereits erfolgreich den ersten Akt abschließen konnten. Auch hier gibt es offensichtlich noch eine Vielzahl an Fehlern, die selbstverständlich zu erwarten sind. Für mich war Baldur’s Gate immer ein reiner Singleplayer, aber Fans von Original Sin würden den Multiplayer mit Sicherheit vermissen.

Zuletzt möchte ich noch alle Spieler auf dem Mac begrüßen. Ja, auch ihr habt die Möglichkeit Baldur’s Gate von Tag eins zu spielen. Ich habe es mit meinem MacBook Pro nicht getestet, da es eher ein Arbeitsgerät und keine Gaming Machine ist, doch die Dankbarkeit der Community wird bereits in vielen Foren laut kund getan.

 


 

– Support –

Larian Studios ist schon ein recht besonderer Entwickler. Deutlich wird dies wohl, wenn man sich einmal die Nutzungsbedingungen ansieht, die ihr beim erstmaligen Start von Baldur’s Gate 3 bestätigen müsst. Wer sie bestätigt, muss nun innerhalb von drei Jahren die Forgotten Realms loben, indem man einen Tanz aufführt, ein Lied singt oder ein Gedicht vorträgt, dieses als Video aufnimmt und Larian zusendet. Danke an meinen Redakteurkollegen Larrix für diesen äußerst wichtigen Hinweis!

Natürlich ist dies alles nur ein Scherz, zeigt aber, wie sehr man sich bei Larian in der Welt von D&D verankert sieht, wo ebenfalls häufig mehr als nur ein geworfener Würfel erfragt wird. Seit über 20 Jahren entwickelt man nun schon Spiele, aktuell in vier Studios weltweit. Divinity Original Sin war bei weitem nicht der erste große Erfolg, denn die Divinity-Reihe existiert bereits seit Divine Divinity, seines Zeichens noch ein Hack and Slash. Original Sin hat allerdings neue Standards gesetzt, wenn es um isometrische Rollenspiele geht.

Dies ist auch nicht Larians erster Early Access, denn Original Sin 1 und 2 gingen ebenfalls beide durch die gleiche Schule, um Feedback von Spielern einfließen zu lassen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu bieten, früheren Zugang zum Spiel zu erhalten. Im Vergleich zu seinen Vorgängern kostet Baldur’s Gate 3 allerdings 60 Euro, was außerordentlich viel ist. Begründet wird dies nicht nur mit dem Umfang der bereits vorhandenen Inhalte, sondern auch der Größe des gesamten Projekts. Auch will man die Fans dadurch zu mehr Feedback bewegen, anstatt darauf zu warten, bis das Projekt den Early Access verlässt.

Dass Larian mit Herzblut dabei ist und auf wirklich allen Kanälen aktiv zuhört, antwortet und mitmacht, ist dementsprechend keine große Überraschung. Ob die belgischen Entwickler dabei ihren so typischen Humor beibehalten können, wird sich frühestens in einem Jahr zeigen, denn so lange soll Baldur’s Gate 3 mindestens im Early Access verbleiben.

 

– Fazit –

Die Überschrift sollte bereits einen Vorgeschmack darauf geben, wie ambivalent die Gefühle für Baldur’s Gate 3 sind. Womöglich ist es nicht weniger als das Spiel des Jahres 2021, trotz oder gerade wegen all der Kontroversen. Ist es nun ein inoffizielles Original Sin 3 oder bleibt es seinem Namen treu und tritt das große Erbe von Baldur’s Gate 1 und 2 an? Manche Nostalgiker empfinden es als zu bunt, Neulinge vielleicht als zu schwierig und die Ähnlichkeit zu Larians vorherigen Produkten ist offensichtlich.

Aber dies ist mehr als logisch. Gerade weil die Engine von Original Sin so ausgereift ist, wurde Baldur’s Gate 3 in Auftrag gegeben. Größter Knackpunkt ist für viele Alteingesessene der fehlende Echtzeitkampf mit Pausenknopf, denn die rundenbasierten Kämpfe laufen langsamer und weniger actionlastig ab. Mir gefällt beides, aber verwundert es mich doch, dass dem Spieler nicht die Wahl gelassen wird.

Mir persönlich ist der Schreibstil an manchen Stellen zu „modern“, da wir uns noch immer in einer klassischen Rollenspielwelt befinden. Hier zeigt sich auch erneut der Humor der Inhouse-Produktionen, der mir persönlich nicht immer so gut gefällt. Meine persönliche Vorliebe für Dramatik fließt aber in keiner Weise in die Bewertung ein. Die unvorhersehbaren Charaktere allerdings schon.

Eure Gefährten wirken in gewisser Weise so, als hätte sich wirklich eine Gruppe von Leuten getroffen, um eine Runde Dungeons and Dragons zu spielen. Da man aber nicht genug Zeit hat, um sich eine elaborierte Hintergrundgeschichte zu überlegen, bekommt jeder nur eine spezielle Macke oder etwas anderes, was ihn herausstechen lässt. Darauf bezieht sich jegliche Interaktion und lässt nur bedingt Raum für freies Interpretieren. Die Tiefe der Charaktere, die in einigen Reviews so hoch gelobt wird, hat sich mir nach 30 Stunden Spielzeit wohl noch nicht vollständig erschlossen.

Wusstest du schon, dass du das Spiel ebenfalls bewerten kannst? Dazu einfach oben in das Review auf die Sterne unter „Eure Wertung“ klicken. Wahnsinn!

Der Elefant im Raum sind wohl auch die geforderten 60 Euro, die für einen Titel im Early Access einfach wirklich viel sind. Bisher ist das Spiel in einem Zustand, der sich nicht ohne Komplikationen, Einschränkungen und Frust spielen lässt. Trotz Polishing ist der erste Akt weit weg von einem Produkt, das ich normalen Spielern für diesen Preis ans Herz legen würde. Anfänger werden ohnehin von manchen Systemen überfordert sein, auch weil bisher ein sinnvolles Tutorial fehlt. Die vielen Stolpersteine von Bugs an jeder Ecke könnten dazu führen, dass das Spielerlebnis so stark eingeschränkt wird, dass Geschichte, Musik und Kampf vollends in den Hintergrund rücken.

Dies wäre umso trauriger, da das Spiel trotz all der Mängel wahnsinnig viel Spaß macht. Ich kann es manchmal kaum erklären, führe es aber auf einige kleine Punkte zurück. Die Welt ist reich an Geschichte, die man in Teilen von den Vorgängern kennt. Mir fehlt zwar der direkte Anschluss, aber es ist 2020. Baldur’s Gate hat es verdient, dass man einen Neuanfang wagt, da mit Pillars of Eternity oder Pathfinder gute Spiele erschienen sind, die der Infinity Engine großartige Denkmäler der Neuzeit setzen konnten. Hinzu kommen die spannenden Kämpfe. Wer sie liebt, wird Baldur’s Gate 3 lieben. Wer das System nur mittelmäßig findet, könnte am Ende enttäuscht zurück bleiben.

Empfehle ich nun Baldur’s Gate 3? Definitiv. Was hier an Potential über den Bildschirm flimmert, lässt sich schwer mit einem Spiel der letzten Jahre vergleichen. Die riesige Welt, die Vielzahl an Rassen, Klassen und Geschichten, die alle noch ausgebaut werden, gepaart mit einer endlosen Zahl an Möglichkeiten, Probleme mit oder ohne Kampf zu lösen, machen mit jeder Stunde Lust auf mehr. Dennoch kann ich keine volle Punktzahl vergeben.

Abstriche gibt es nicht nur wegen der teilweise holprigen Schreibweise sondern schlichtweg weil ich fürchte, dass vielen Spielern aktuell nicht damit geholfen ist, Baldur’s Gate 3 zu spielen. Zu hoch wird der Frustfaktor an vielen Enden sein, gerade weil man bei diesem Preis eben doch nicht immer das Gefühl haben möchte, eine Alpha zu spielen. Dass Baldur’s Gate 3 mich dennoch so sehr fasziniert, spricht Bände darüber was für ein Meisterwerk uns in einem Jahr erwarten kann.

 


 

 


 

Avatar

Über Faust

Angefangen mit Master System, SNES und Playstation, fand irgendwann auch der PC Einzug in mein Wohnzimmer und ist seitdem mein Favorit wenn es um Videospiele geht. Ich liebe Klassiker wie Suikoden, Vandal Hearts und Final Fantasy, bin aber auch immer an neuen Titeln interessiert. Multiplayer sind nicht meine Stärke, daher spiele ich lieber RPGs, Aufbaustrategie und generell alles mit einer guten Story. Indie Games und Pixel Art haben einen besonderen Platz in meinem Herzen und Kickstarter kann man getrost als mein zweites Zuhause bezeichnen.

Was sagst Du dazu?

You must be logged in to post a comment.